Fahrstuhl Prae Mortem

Und immer habe ich das Bild vor Augen. Wie ich in diesem Hotel stehe im Dunklen. Auf dem Flur. Vor dem Fahrstuhl im dritten Stock. Mit meinem großen Koffer und mit meiner schweren Laptoptasche. Mit den ganzen Akten darin und meinem kleinen Reiserucksack. Wo immer alles reingeht. Und ich den Lichtschalter drücke und dann den Fahrstuhlknopf. Ich warte.

Es ist ein besonderes Hotel. Wo sich im hinteren Teil ein Altenheim befindet und alle Bewohner morgens in diesem sehr kleinen Fahrstuhl zum Frühstücksraum im Erdgeschoss befördert werden.
Die Fahrstuhltür geht auf. Ein alter Herr im Rollstuhl schaut mich leer an. Die Schwester hinter ihm zuckt mit den Schultern. Kein Platz leider. Die Fahrstuhltür geht zu. Der Fahrstuhl fährt nach unten. Das Flurlicht geht aus. Ich stehe im Dunklen. Ich drücke den Lichtschalter. Ich drücke den Fahrstuhlknopf. Ich warte.

Mir ist heiß, weil ich schon meine Jacke angezogen habe, in Erwartung eines kalten Winter morgens und meiner baldigen Abreise. Die Fahrstuhltür geht auf. Eine stroh weiße Dame mit Rollator schaut mich leer an. Ihr Gesicht ist komplett entzahnt. Wahrscheinlich ernährt sie sich wie eine Fliege. Die stützende Schwester hinter ihr zuckt mit dem Schultern. Kein Platz leider. Die Fahrstuhltür geht zu. Der Fahrstuhl fährt nach unten. Das Flurlicht geht aus. Ich stehe im Dunklen. Ich drücke den Lichtschalter. Ich drücke den Fahrstuhlknopf. Ich warte.

Ich schwitze noch mehr. Soll ich die Jacke ausziehen?Ach, das lohnt sich ja nicht. Gleich geht´s ja los und für mich ist dann Platz. Ich höre das leichte Brummen des Aufzugs und kann den Kaffee durch das Treppenhaus schon riechen. Und einen Hauch Hagebuttentee. Vielleicht ist das auch nur ein Desinfektionsmittel
oder irgendwas, das ich nicht wissen möchte.

Wo bin ich? Wieder mal in der Dunkelheit stehend und den Lichtschalter drückend. Ich muss in der Hölle sein, bis in alle Ewigkeit den Lichtschalter suchend und drückend und auf den Fahrstuhl wartend. Den Kaffee riechend und nie erreichend. Das Ziel nie mehr erreichend. Aller Ziele enthoben und verloren aber unter uns: wie zielstrebig ist man mit seinen Zielen? Die meisten seiner Ziele erreicht man nicht mit einem Fahrstuhl.
Ich schwitze noch mehr und überlege! Mit dem ganzen Gedöns durch das kleine Treppenhaus? Drei Stockwerke? Nein! Ich als Buckliger mit meinem kleinen Reiserucksack, wo immer alles reingeht, werde bestimmt alle Bilder von den Wänden im Treppenhaus abreißen! Und mehrmals die 3 Stockwerke gehen? Nein! Kommt nicht in Frage. Ich warte also und schwitze weiter.

Die Fahrstuhltür geht auf. Ein alter Herr im Rollstuhl schaut mich leer an. Ist das etwa der gleiche wie vorher? Nein, das kann nicht sein! Die Schwester hinter ihm zuckt mit dem Schultern. Kein Platz leider, aber mir platzt plötzlich der Kragen! Gegen alle Vernunft drücke ich die sich schon wieder schließende Fahrstuhltüre auf, quetsche mich hinein in die kleine Kiste mit meinem ganzen Zeug. In diese für alle viel zu kleine Kiste. Der alte Herr reißt vor Angst seine Augen auf, weil ich ihm einfach meinen riesigen Koffer quer auf dem Schoss stelle und er nichts mehr sieht. „Schwester Helga!“, ruft er und fängt zahnlos an zu jammern. „So dunkel!“, murmelt er. Schwester Helga, auf einmal aus ihrer ganz persönlichen Demenz erwacht, fängt panisch an laut um Hilfe zu rufen und drückt den roten Rettungsknopf, nicht bemerkend das sich der Fahrstuhl schon längst wegen Überladung selber abgeschaltet hat. Ein Gekreische, ein Geschiebe und Verzweiflung überall.

Ich rufe laut: „Ich will hier nicht bleiben! Ich will nicht mehr in diesem Flur bleiben! Ich will hier raus! Ich muss hier raus!“

Schwester Helga, die mich versucht gerade wieder auf diesen trostlosen Gang hinauszuschieben, ruft lauter um Hilfe. Wahrscheinlich nach einem breitschultrigen Pfleger.

„Ich brauche ganz dringend Luft und Licht in meinem Kopf!“, rufe ich und kämpfte meine Laptoptasche in die Ecke und mich stolpernd daneben. Schwester Helga schlägt mir Ohrfeigen ins Gesicht.

Lasst mich fort. Das war alles, was ich denken konnte. Lasst mich fort. Lasst mich fort. Ans Licht. An die Luft. Ins Leben. Nein! Nein! Nein! Ich habe das alles selbstverständlich nicht gemacht. In Wirklichkeit stand ich nur da und die Fahrstuhltür ging sanft wieder alleine zu. Einfach so. Ich habe das alles nur gedacht! Es war ganz plastisch. Der Fahrstuhl fuhr nach unten. Dann ging das Flurlicht aus. Ich habe das nur aus meinem Kopf abgeschrieben. Aus einem Teil meiner finsteren Seele. Das Hotel ist echt. Das ich dort gestanden habe an diesem Morgen war echt.

Der Fahrstuhl summt. Die Türe geht auf. Er ist leer! Er ist leer! Und ich steige endlich ein. Aber er bringt mich nicht nach unten, in die Freiheit. Er bringt mich nach oben in den hinteren Teil des Hotels. In das Reich des Vergessens. In das Reich des Klistiers. Und der Abführtabletten. Der großen Windeln. In das Reich von WDR4. Von Heparinspritzen. Und täglichem Dämmern. Warten. Warten auf Etwas, das nicht mehr kommt. Er bringt mich in die Erwartung des Nichts.

„Bitte, mein Herr! Setzen sie sich doch hier in den Rollstuhl! Das ist sehr bequem.“
Ich setze mich umständlich.
„Ich fahr sie in ihr Zimmer!“
Ich weiß nicht mehr wer ich bin.
„Sie sehen ratlos aus, wissen nicht, wie Sie heißen?“
„Das macht nichts!“
„Das steht doch hier auf dem kleinen Schild im Flur neben ihrem Zimmer.“
„Ja, da ist eine Sonnenblume neben dem Schild.“
„Das ist, damit sie ihr Zimmer alleine wiederfinden.“
„Nein, sie sind noch nicht tot.“
„Es fühlt sich nur ein kleines bisschen so an, mein Herr.“

Erst wenn man unsern Leib entdeckt
In dem Winter übers Jahr
Es ist in ihm viel Leid versteckt
Und Träume wunderbar
Doch dann lebt in unsrem Angesicht
Die Seele sonderbar
Erst wenn man unsern Leib entdeckt
Dann wird alles sternenklar

Von Hanns Dieter Hüsch. Wie wundervoll.

Lebe Leben, stets verwegen!

Das ist von mir! Das Licht im Flur geht aus. Ich warte. Auf was eigentlich? Das Licht im Flur wird irgendwann ausgehen, und deine Hand wird keinen Lichtschalter mehr an der Wand finden, mehr ertasten können. Es ist kein Licht mehr da.

Vielleicht mag ich bis dahin sogar Hagebuttentee.

(11.2014)


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